People of Love – ParLAFleur (Katharina Thieme und Maik Noack)

Wir haben uns mit den Inhabern vom Dresdner Sexshop ParLaFleur getroffen. Sie erzählten über ihre Erfahrungen im professionellen Sextoy-Verkauf, betonten wie wichtig Kommunikation für eine erfüllende Beziehung ist und hatten für Neulinge im Bereich Erwachsenenspielzeug auch den ein oder anderen Tipp.

Logo von ParLaFleur

Wie seid ihr, du und dein Partner, dazu gekommen, einen Sexshop zu betreiben?

[Katharina] Vor zehn Jahren habe ich als Aushilfe im damaligen Dolly Buster Sexshop für ein paar Stunden angefangen zu arbeiten, um nebenbei die Familie betreuen zu können. 2013 ist der erste Chef gestorben und ich bin Filialleiterin geworden. Kurz danach hast du angefangen. (schaut zu ihrem Partner Maik)

[Maik] Damals war eine Stelle frei und ich war gerade arbeitslos. Ich hatte mit sämtlichen Sexspielzeugen nichts zu tun. Ich hatte nicht mal ein Gleitgel zu Hause. Die Anfrage war: Kannst du mal zwei Wochen aushelfen? Jetzt sind es sechs Jahre geworden. (lacht)

[Katharina] Der zweite Chef hatte mit 65 Jahren sieben Läden geerbt, das war 2015. Ich habe ihn dann also so lang genervt, bis ich im Mai 2016 den Laden übernehmen durfte.

Danach haben wir mit dem gesamten Team ein Jahr lang umgebaut, damit es aussieht wie es jetzt aussieht. Vor der Übernahme bat ich meinen Chef den Namen des Ladens „Dolly Buster“ zu kündigen, weil ich kein Geld dafür zahlen wollte. Um einen neuen Namen zu finden, haben wir uns dann zusammengesetzt und sind schlussendlich auf ParLaFleur (zu Deutsch durch die Blume) gekommen.

[Maik] Ja, Französisch ist eine wunderschöne Sexualpraktik, die Sprache der Liebe und „durch die Blume“ passt einfach, weil ja tatsächlich wenig Leute frei über Selbstbefriedigung oder die gegenseitige Befriedigung reden. 

Maik Noack und Katharina Thieme im Sexshop ParLaFleur

Welche Menschen kommen zu euch? Singles? Pärchen? Wird eure Beratung angenommen, oder habt ihr das Gefühl, die Leute bestellen eher im „Heimlichen“?

[Katharina] Wir haben wirklich alles. Mädchen, Jungs, Lesben, Schwule, …

[Maik] Gehend, oder im Rollstuhl.

[Katharina] Gerade diejenigen, die zum ersten Mal in unseren Laden kommen, trauen sich noch nicht wirklich Beratung in Anspruch zu nehmen und sind etwas schüchtern. Da überrumpelt Maik dann ganz gern mal und übernimmt die Beratung.

[Maik] Ich übernehme sozusagen die Sexshop-Jungfrauen. Viele Leute sind einfach von der Vielfalt überrascht. Unser Lieblingssatz von KundInnen ist: „Ich suche etwas für einen Freund.“ Oder „Ich wollte eigentlich nur ein Gleitgel.“

[Katharina] Aber letztendlich sind immer alle sehr glücklich, wenn wir sie beraten haben. Viele kommen in den Laden und wissen gar nicht was sie eigentlich wollen. Wir wissen dann schon was wir, ganz individuell, fragen müssen, sodass wir schnell rausbekommen, für was die KundInnen sich interessieren.

Ich habe auch oft junge Mädels vor mir, die nicht genau wissen was sie wollen. Denen drücke ich eine Auswahl an Spielzeugen in die Hände und anhand des Glitzerns in den Augen sieht man dann: Aha, das ist es.

[Maik] Mit einer halbwegs geschickten Fragestellung bekommt man auch raus wie hart z.B. eine Vibration sein soll. Ich denke, das macht auch unsere gute Beratung aus: Menschen nicht anhand der Optik einzuschätzen, sondern erst mal Fragen zu stellten. Da wurden wir schon oft eines Besseren belehrt.

[Katharina] Man gewöhnt sich das Schubladendenken ab.

Viele Leute bestellen im Internet – wahllos – so wie ich das nun bei euch raus höre, ist eine individuelle Beratung dann aber doch besser, oder?

[Katharina] Wir hören ganz oft: „Ich habe bei … bestellt und das war total doof.“ Und wir verstehen das: Man sieht wunderschöne Fotos, vielleicht ist es preiswert. Aber bei uns kann man sich die Produkte anschauen und auch mal anfassen. Lieber zwei, drei Euro mehr ausgeben, dann weiß ich was ich habe. Außerdem gibt es bei uns einen Ansprechpartner, wenn mal etwas kaputt gehen sollte. Da können wir die Garantie nutzen.

[Maik] Bei Masturbatoren für Herren gibt es beispielsweise vier verschiedene Silikonarten. Das sieht man auf den Fotos nicht und die wenigsten können mit den angegebenen Härtegraden etwas anfangen. So etwas sieht man nur, wenn man das Produkt vor sich hat. Das Gleiche gilt für Vibratoren: Da gibt es unterschiedlichste Optik und Vibration. Einige haben eine hohe Frequenz, andere eine niedrige. Auch die Stärke der Vibration kann variieren zwischen einem kleinen Bienchen und einer fetten Hornisse. Das sind einfach ganz wichtige Faktoren, die man nicht anhand von Bildern oder Beschreibungen vermitteln kann.

Plauderecke in der Spielzeugabteilung des ParLaFleur

Was könnt ihr Menschen empfehlen, die sich ausprobieren wollen? Wie und womit fängt man an?

[Katharina] Wenn bei uns neue KundInnen den Laden betreten, mache ich immer zuerst eine Führung durch unsere Spielzeugabteilung. Dabei beobachte ich die Reaktion der Leute und da, wo die Augen am meisten leuchten, bleiben wir stehen und ich gehe „tiefer rein“: Dann zeige ich meistens aus den verschiedenen Bereichen etwas und stelle Fragen – so lerne ich die Bedürfnisse der KundInnen kennen. Dabei geht es mir nicht darum, das Teuerste zu verkaufen. Die Menschen sollen gucken können, was zu ihnen passt und was nicht.

[Maik] Ich gehe auf dieselbe Art und Weise vor. Gerade beim Cockring ist es beispielsweise wichtig, dass sich der Mann überhaupt erst mal mit der Möglichkeit der Vibration auseinandersetzt, denn Penisringe gibt es auch vibrierend. Du brauchst als Einsteiger nicht den 70,00€-Cockring, auch wenn es natürlich ein sehr gutes Produkt ist. Als Anfänger solltest du erst einmal mit der Vibration zurechtkommen. Das ist nur der Anfang. Man soll den Berg ja nicht von der Spitze aus erklimmen, sondern am Fuße des Berges anfangen.

Alles andere nennt sich Skifahren (lacht)

Ich sag immer: Wenn Sie Fragen haben, fragen Sie. Wenn nicht, fragen Sie auch. Fragen haben wir genug und auf manche sogar Antworten.

Wie lief die sexuelle Bildung in eurer Jugend? Habt ihr mit euren Familien/Freunden offen darüber reden können? Seid ihr aufgeklärt worden?

[Katharina] Ich durch meine Familie nicht und durch Freunde auch nicht wirklich. Während meiner Schulzeit haben die Lehrkräfte uns geschlechtergetrennt zu Sexualtherapeuten geschickt. (Anmerkung Caro: Katharina besuchte eine Waldorfschule) Das war unsere Aufklärung. Aber viel hängengeblieben ist bei mir in dem Alter nicht. Das kam dann alles erst hier im Laden.

Ich muss ehrlich gestehen: Ich habe hier als Grünschnabel angefangen. Mir hat die Chefin damals Sachen gezeigt, da ging mir die Kinnlade runter. Das hatte ich noch nie gesehen.

[Maik] Meine Aufklärung war hauptsächlich Dr. Sommer. Ich konnte mit meinen Eltern zwar immer reden, aber man möchte nicht jede Frage seinen Eltern stellen. Zudem wissen die Eltern ja auch nicht alles. Außer die von meinem Sohn, der hat jedenfalls einen guten Vater. (lacht)

[Katharina] So eine offene Aufklärung und öffentliche Debatte kommt jetzt glaube ich erst.

[Maik] Viele Menschen machen den Fehler, dass sie sich – frei und kostenlos über das Internet verfügbar – Pornos anschauen und diese als Reportagen oder Anleitungen betrachten und nicht als Fantasieunterstützung, die sie sind. Das ist einfach nur Darstellung.

Ich persönlich habe meine Sexualität durch die Arbeit hier im Sexshop auch noch mal total neu kennengelernt. Wenn man vorher ganz einfach mit trockener Hand und Spucke gearbeitet hat und jetzt in einem Laden arbeitet, in dem fast 5m² alleine an Gleitgel dastehen, probiert man sich aus. Natürlich ist man neugierig. Einiges, was ich ausprobiert habe, war ein Tritt in die Tonne, anderes ist geblieben. Von allem hat der Dr. Sommer mir aber auch nicht erzählt. (lacht)

[Katharina] Was gab es denn aber auch zu DDR-Zeiten oder nach der Wende an Sexshops? Beate Uhse hatte den ersten Laden, glaube ich, Anfang der Neunziger.

[Maik] Damals hat man sein Sexspielzeug ins Schlafzimmer gelegt und in der Stube gerochen. Die Qualität ist heute viel besser.

Maik holt eine Box, voll mit ausrangiertem Sexspielzeug, die seit sechs Jahren offen im Lager steht. Ich rieche, schon bevor mir Maik den Dildo unter die Nase hält, eine Mischung aus Plastik, Silikon und Essig. Als den künstlichen Phallus und meine Nase nur noch Zentimeter trennten, wusste ich genau, was Maik meinte. Es roch penetrant nach Chemie, süß, eklig und irgendwie auch wie etwas, was ich vor über 10 Jahren vielleicht schon Mal gerochen habe. 😉

Mannequin mit Lederweste

Seht ihr eine Tendenz in der Gesellschaft bezüglich des Umgangs mit Sexualität? – bei Kindern/Jugendlichen und Erwachsenen? Oder habt ihr Wünsche diesbezüglich, wie wir alle als Gesellschaft über Sex denken/sprechen könnten?

 [Maik] Bei Kindern und Jugendlichen scheint es so, als würde die eine Hälfte immer offener und die andere immer verschlossener werden. Auf vielen Plakaten sieht man Brüste oder Bodybuilder, aber von einer aufgeklärten Gesellschaft sind wir sehr weit weg. Da müssen wir noch viel machen.

[Katharina] Ich nehme wahr, dass auch viele ältere Menschen beginnen umzudenken und uns offene Fragen stellen. Und vor ein paar Jahren noch kamen die Leute mit Kapuze und Sonnenbrille rein, heute trauen sich viele und stehen dazu.

[Maik] Mein Wunsch an die Gesellschaft wäre, dass sie sich mal wieder etwas vom Internet absondern und in den Läden einkaufen. Das schützt ja auch die Umwelt. Die ganzen Verpackungs- und Versandkosten, die da gespart werden. Also: Zurück zum Einzelhandel!

[Katharina] Redet offen miteinander. Oft kommen Pärchen rein, die eigentlich gar nicht wissen was der andere mag und was nicht.

[Maik] Und Selbstbefriedigung ist wahnsinnig wichtig. Da lernt man sich selbst ja erst mal richtig kennen. Das sollte jeder tun und auch darüber reden.

 

Wie sprechen Menschen in Beziehungen am besten darüber, wenn sie etwas in ihrem Sexleben verändern wollen?

 [Katharina] Ich würde mich erst mal schlau machen, was mir gefallen könnte und das dann im Gespräch einbringen. Man kann den Partner oder die Partnerin fragen, ob er oder sie etwas Neues ausprobieren will und dann auch schon Vorschläge bereiten: „Ich habe mal geguckt, was uns gefallen könnte.“

[Maik] Du fühlst dich vielleicht unwohl oder zu passiv, wenn deine Frau oder Freundin einen Vibrator benutzen will? Dann besorg dir einen ordentlichen Cockring und sei der aktive Part und ihr persönlicher Vibrator.

Schwierig wird es, wenn sie versohlt werden will, er das aber so gar nicht möchte.

Geht das? So eine krasse sexuelle Diskrepanz in einer monogamen Beziehung?

[Maik] Man muss Beziehungen nicht immer öffnen, aber kann ja z.B. einmal im halben Jahr eine professionelle Hilfe holen. Der Mensch ist meiner Meinung nach nicht hundertprozentig monogam. Wenn man die Seele liebt, sollte man so viel Raum geben, dass der andere glücklich sein kann und wenn es eben so ist, dann ist es so.

Du hattest vorhin mal angedeutet, dass es Männer gibt, die Vibratoren als Konkurrenz sehen. Ist das so?

[Maik] Ja! Das wird total aus dem gemeinsamen Liebesspiel verbannt, weil der Mann sich bedroht fühlt von etwas, was schneller und besser ist. Man kann ja aber auch wunderbar den Mann mit einem Vibrator verführen. Man muss nur die erogenen Zonen herausfinden. Und das muss nicht zwingend anal sein.

Was ist guter Sex in einem Satz?

 [Katharina] Vertrauen. Es muss nicht akrobatisch sein oder kompliziert. Für mich reicht auch die Missionarsstellung, wenn die Chemie stimmt.

[Maik] Guter Sex ist definitiv etwas, was man nicht spontan mit jedem oder jeder Dahergelaufenen haben kann. Guter Sex ist, wenn du den anderen genießen kannst.

Was ist Liebe für euch?

[Katharina und Maik gleichzeitig] Seelenverwandtschaft.

[Katharina] Zu Liebe gehört mehr, als nur gut im Bett sein. Freundschaft ist mir auch sehr wichtig. Man muss die Macken des Anderen auch einfach mal akzeptieren. Ich habe von meinen Großeltern gelernt, dass man nicht gleich alles wegschmeißen muss. Und ja, es lohnt sich manchmal zu kämpfen.

[Maik] Wie Thomas D. sagte: Straßenköter wie ich sind manchmal gerne drinnen – und das hat Katharina bei mir erreicht.

ParLaFleur von außen, Dresden: Antonstraße Ecke Leipzigerstraße

Habt ihr ein Idol oder eine Persönlichkeit, die ihr für Ihre Sexualität, Sinnlichkeit oder Ausstrahlung bewundert? Wenn ja, wer ist es und warum?

[Katharina] Das ist für uns Beate Uhse.

[Maik] Beate Uhse ist der Grund warum es Dolly Buster geben konnte. Sie hat also den Grundstein für das alles hier gelegt.

Erweitert unseren Horizont: von welchen Kinks habt ihr während eurer Arbeit erfahren?

[Katharina] Was ich zum Beispiel nie gedacht hätte, dass es das gibt, sind Sekt und Kaviar. Ich dachte immer, das ist Apfelsaft und geschmolzener Kakao. (lacht)

Das war für mich so das Kurioseste. Aber man hat gelernt: Es gibt eigentlich nichts, was es nicht gibt.

[Maik] Wie der Herr, der vor unserem Tresen stand und sich eingekackt hat.

[Katharina] Hatte der nicht eine Windel an?

[Maik] Ja, der schaute auf einmal ganz angestrengt. Der wollte das einfach.

[Katharina] Wichtig ist mir noch zu sagen, dass ihr euch bitte bevor ihr euch in der Fetisch-/BDSM-Szene ausprobiert, informiert. Gerade was Bondage angeht, um z.B Thrombosen zu verhindern. Da kann viel schieflaufen. Benutzt Safe-Wörter.

Vor dem letzten Lockdown wurde mir ein Video gezeigt, in dem ein Mann einen Metall-Cockring hinter seine Hoden gezogen hat. Er hatte die falsche Größe und dann folgte die Not-OP. Es ist wohl alles gut gegangen. Aber das nur mal als Beispiel.

Flirttipps: Welche Standardfragen hast du bei einem ersten Date? (Was war dir früher wichtig und was ist es heute?)

[Katharina] Also eine richtige Frage habe ich nicht, das muss sich im Gespräch ergeben. Was ich aber nicht leiden kann ist, wenn mir der Partner beim ersten Date direkt erzählt, dass er ein Haus will, heiraten möchte und drei Kinder. Da bin ich überfordert.

[Maik] Ich habe keine direkten Fragen. Ich denke, das läuft ganz viel über den Humor und ergibt sich immer individuell.

Was wäre ein Rat an dein Jüngeres ich?

[Maik] Warte nicht bis du 33 bist, suche dir gleich einen ParLaFleur-Job. Ich habe so lange nach einem Job gesucht, der mich erfüllt und jetzt habe ich ihn endlich gefunden.

[Katharina] Lass nicht alles mit dir machen. Ich habe als Kind viele schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht und als ich älter wurde, habe ich dann verstanden, dass es falsch war, konnte

mich damals aber nicht wehren. Also: „nein“ sagen lernen. Egal worum es geht. Einfach mutiger sein.

Ich habe lange gebraucht, bis ich wusste, was eigentlich Grenzen sind.

[Maik] Ich habe die beste Chefin der Welt.

Vielen Dank Katharina und Maik, dass ihr euch Zeit für mich genommen und die Fragen so offen beantwortet habt. Wir sehen uns sicher wieder und ich wünsche euch und dem Laden alles Gute.

Ihr, liebe Leser, könnt ja gerne Mal bei ParLaFleur vorbeischauen.

Danke fürs Lesen.

 

Caro