Lara Liqueur – offen wie ein Buch – nicht nur im sexuellen Sinne

Wir haben uns mit Lara Liqueur – Drag Queen DJane und „bekannteste Entertainerin Sachsens“ auf einen Drink verabredet. Sie erzählte uns von ihrem ersten Mal als Drag, welchen Kinks sie schon begegnet ist und was sie sich selbst als Teenager (und wir am liebsten allen mutigen Menschen) gern mitgegeben hätte(n).

Welche Rolle spielt das Thema Sex in deinem Leben? Sex in meinem privaten Alltag ist schon sehr präsent. Also das spielt schon eine Rolle. Es ist mir sehr wichtig, dass Sex regelmäßig stattfindet. Ich habe allerdings auch eine ganz gute Sexualität mit mir selber. Wenn ich es jetzt tatsächlich „aus terminlichen Gründen“ nicht schaffe, mich darum zu kümmern, Dates zu haben und gerade in keinen festen Beziehungen bin, dann kann ich mich auch ganz gut mit mir selber Vergnügen. Tatsächlich glaube ich, dass seit ich in der Pubertät war, es keinen Tag gab, an dem es gar keine Rolle gespielt hat. Es gibt keinen ungewichsten Tag. (sagt sie sehr laut und schmunzelt)

Bist du Single? Ja, aktuell bin ich Single.

Gibt es eine sexuelle Richtung bei dir? Ich habe eine sehr starke Präferenz zu Frauen. Aber es gibt auch Momente, in denen ich Lust auf Männer habe – das ist aber sehr selten und dann meistens schnell wieder vorbei. Ich würde sagen bi-sexuell aber hetero romantisch.

Wie bist du zu deinem Job bzw. deiner Figur gekommen? Ich hatte schon immer diese Präferenz dazu, mich in Frauenkleider zu stecken. Das erste Mal so mit elf, zwölf Jahren. Ich war immer neidisch auf meine kleine Schwester, weil sie coole Mädchensachen anziehen durfte. (gefolgt von einem sehr authentischem Lächeln) Mit 17 war ich das erste  Mal mit einem Kleid auf einer Party und habe dort eine andere Queen gesehen und dachte

„Es gibt keinen ungewichsten Tag.“ Foto: Max Patzig

 mir, „Das ist geil, das willst du auch mal probieren.“ Jetzt mache ich das seit fast neun Jahren. Mittlerweile ist mein Alltagsoutfit aber wesentlich maskuliner geworden. Ich trage im Alltag kein Make-up mehr und als Mann bin ich auch nicht mit Frauenkleidern unterwegs – das ist tatsächlich nur dann, wenn ich Lara bin.

 

„Ich würde sagen bi-sexuell, aber hetero-romantisch.“

Und wie war das damals, als du angefangen hast, dich weiblich zu kleiden? Am Anfang war das für mein Umfeld tatsächlich nicht verständlich. In meinem Freundeskreis war für viele logisch, dass ich dann automatisch schwul bin. Mein familiäres Umfeld hatte hauptsächlich den finanziellen Aspekt im Kopf, weil alle dachten: davon kann sie niemals leben. Tatsächlich habe ich meine Ausbildung zugunsten von Lara Liqueur abgebrochen. Und alle so: „Oh mein Gott“ und „Was macht der Junge dann in zehn Jahren, wenn er merkt, dass man davon nicht leben kann?“ Und das war zu Beginn auch so, als ich noch nicht aufgelegt hatte. Da habe ich wirklich angefangen mit solchen Sachen wie auf einer Party für 50 € gebucht werden und Shots auf einem Tablet verteilen. Und dass man davon nicht langfristig leben kann, das war mir selbst auch klar.

Aber ich war von Anfang an überzeugt davon, dass ich eines Tages entweder davon leben können werde oder so lange daran arbeite, bis ich es kann und es hat funktioniert. Was meine Familie allerdings nach wie vor ein bisschen beunruhigt ist, dass ich nicht mit Geld umgehen kann – aber ich glaube, das wird sich auch nicht so schnell ändern. (Wir lachen und sind uns einig, dass das Finanzamt sich schon melden wird)

 

Wie hängt also Sexualität für dich mit Identität zusammen? Die Ausdrucksweise unterscheidet sich bei mir. Als Lara bin ich anzüglicher, viel anzüglicher. Zum Beispiel wenn da extrem maskuline heteronormative Türsteher in einem Club sind, dann grabe ich die als Lara sehr gern an, weil es mir Spaß macht – denn sie wissen nicht, wie sie reagieren sollen.

Siehst du hier eine Tendenz in der Gesellschaft bezüglich des Umgangs mit Sexualität? Ich habe schon das Gefühl, dass Sexualität in unserer Gesellschaft immer und immer offener behandelt wird. Ich finde es beispielsweise wahnsinnig faszinierend, dass eine Person wie Katja Krasavice, die als Porno Rapperin oder als jemand, die sich sehr sexuell inszeniert, tatsächlich eine riesige Fanbase aus Jugendlichen und teilweise noch Kindern hat.

Ich glaube heutzutage fangen Menschen viel früher an, sich mit Sexualität zu beschäftigen – und das finde ich tatsächlich ganz gut und auch wahnsinnig faszinierend – z.B. kann man mit Menschen so offen über Masturbation reden. In meiner Schulzeit war das noch nicht so der Fall. Heute scheint es in der Normalität angekommen zu sein.

 

Was ist guter Sex in einem Satz? Alle Beteiligten sind auf ihre Kosten gekommen und hatten eine schöne Zeit.

 

Wie sexuell ist dein Beruf? Und wie sehr ist es deine Figur? Hauptsächlich bin ich DJ und Musikproduzentin – und ich würde sagen, das ist absolut nicht sexuell. Da spielt Liebe noch eine größere Rolle: denn Liebe ist eine wahnsinnig gute Muse, sowohl beim Auflegen, als auch beim Musikproduzieren. Ich lege komplett anders auf, wenn ich verliebt bin. Und ich produziere auch andere Musik, wenn ich verliebt bin.

Sexuell ist der Beruf tatsächlich nicht. Ich würde aber sagen, dass meine Figur sexuell ist, weil sie von manchen Leuten sexualisiert wird. Das ist aber gar nicht schlimm. Es gibt viele Leute, die auf Lara Liqueur stehen. Für mich spielt das keine Rolle. Ich hatte zwar auch schon im Fummel Sex, aber das war eher ein Gefallen für meine damalige

„Ich lege komplett anders auf, wenn ich verliebt bin. Und ich produziere auch andere Musik, wenn ich verliebt bin.“ Foto: Sebastian Obst

Partnerin, weil sie das wahnsinnig gerne mal wollte. Ich von mir aus würde das heute nicht mehr machen. Ganz am Anfang als Lara hatte ich mal auf einer Fetischparty Sex im Fummel. Das war aber wahnsinnig unangenehm. Wenn man geschminkt ist, muss man sich das so vorstellen: die Haut kann nicht atmen, alles zwickt und kneift, die Perücke drückt,…

Gibt es für dich ein Idol oder eine Persönlichkeit, die du bewunderst? Die, die mich schon kennen, werden nicht überrascht sein: Es ist Lady Gaga. Die macht das ganz gut und ihre Ausstrahlung hat definitiv was von Drag.

Erweitere unseren Horizont: von welchen Kinks hast du während deiner Arbeit erfahren? Letztens hatte ich eine ganz interessante Anfrage: Mir wurde sehr viel Geld dafür geboten, dass ich als Drag fünf Minuten lang gegen den Spiegel spucke und das filme. Das Problem war, dass ich zwar nachvollziehen kann, dass das jemand attraktiv findet und auch der Geldbetrag war sehr reizvoll, aber ich könnte keine fünf Minuten auf den Spiegel spucken ohne mich irgendwann zu übergeben, weil ich das selber so eklig finde. (mit lachendem und angewidertem Blick zugleich)

Lara ist seit neun Jahren im Show-Business unterwegs. Foto: Øhyvind Photography / Elisabeth Robock

Durch die Latenight Show beim Boys TV im letzten Lockdown hatte ich auch mehrfach Leute mit Fetischen zu Gast. Wir hatten zum Beispiel BDSM Berlin da oder diese ganzen Roleplay-Geschichten wie zum Beispiel Pet-Play: wenn sich die Leute als Hunde verkleiden. Das gibt es auch ganz viel in der queeren Community. Ich mag es dann auch diesen Hunden aus Spaß Kommandos zu geben oder wenn der Hundeführer zu mir kommt und mir sagt, ich soll ihm ein Leckerli geben – dann mache ich diesen Spaß mit.

Es gibt wohl auch einige Drags, die es als Sport betreiben und es als ihre Mission ansehen –ich zum Beispiel kenne aber keine –„Heten zu knacken“: Die quasi versuchen, wie eine Frau auszusehen um dann mit heterosexuellen Männern zu schlafen.

Es gibt auch ganz viele solcher Geschichten, in denen erzählt wird, wie man irgendwelche Taxifahrer klarmacht, um nichts für das Taxi zu bezahlen. Solche Sachen finde ich auch ganz lustig. Ich habe das Glück oder auch das Pech, das kann man sehen wie man möchte, dass ich keine außergewöhnlichen Fetische und es deswegen nicht so schwer habe, kompatible Sexualpartner zu finden. Ich würde nur wahnsinnig gern mal so einen Akt-Kalender von mir machen lassen – für irgendeinen Zweck. Aber bisher habe ich noch nicht die Fotografin gefunden, die das nötige Equipment hat und bei der ich mir das trauen würde.

Wie gehst du mit Druck um? Was ist, wenn es mal stressig ist? Am DJ-Pult ist das bis zu einem gewissen Pegel kein Problem – ich kann bis zu einem gewissen Promillegrad sehr gut auflegen. Aber die gesundheitlichen Folgen, wenn man sich jeden Abend hemmungslos die Kante gibt, um zu funktionieren und zu performen, sind enorm – dann sagt der Körper irgendwann „Stopp“. Ich muss ehrlich sagen, bei dem was ich jetzt in den achteinhalb oder fast neun Jahren Showbusiness an alkoholischen Getränken konsumiert habe, kann ich heil froh sein, dass ich nach wie vor nicht als Alkoholiker diagnostiziert, sondern noch im schweren Missbrauchsbereich unterwegs bin. Deshalb habe ich das jetzt extrem runtergeschraubt.

Das heißt, dass ich nicht mehr so wie früher 50 Shots trinke, sondern viel mehr alkoholfreie Getränke. Ich versuche während der Arbeit selbst gar nichts mehr zu bestellen. Wenn mir aber Gäste einen Schnaps ausgeben, dann trinke ich den, weil das einfach so ein Zeichen von Wertschätzung ist.

Was wäre ein Rat von dir an dein jüngeres Ich? Lass dich nicht so viel von der Gesellschaft beeinflussen. Ich dachte tatsächlich sehr lang, dass ich schwul werde – weil mir Menschen immer wieder gesagt haben, dass ich definitiv schwul bin und ich habe das geglaubt. Ich war so wahnsinnig unglücklich. Immer, wenn ich gesagt habe, ich finde eine Frau toll, wurde das so belächelt, weil ich eben so feminin aufgetreten bin. Ich dachte: „die werden´s schon wissen. Wenn alle das sagen, dann wird das schon irgendwie stimmen.“

„Lass dich nicht so viel von der Gesellschaft beeinflussen.“ Foto: Øhyvind Photography / Elisabeth Robock

Das war der ganz große Fehler. In dem Alter habe ich mich in die komplett falsche Richtung ausprobiert. Das ärgert mich heute sehr. (Ich bedanke mich und wir stoßen auf das spannende und witzige Interview an.)

Vielen Dank an Lara bzw. Lars für das Interview. Ich hoffe sehr, dass wir uns wieder sehen. Folgt ihr bei Social Media und hört ihre Musik.

Robert