People of Love – Frau Dr. Eve (Fetisch-klinik Dresden)

Beim Vietnamesen zum Mittag mit Dr. Eve, Klinikleiterin der Fetisch-Klinik Dresden, durften wir mit ihr über Ihren Job quatschen, lernen, was eine sogenannte Schweineschlachtung ist und außerdem viele interessante Details aus der Welt einer Domina erfahren.

Frau Dr. Eve, wie bist du zu deinem Job als Domina gekommen?

Ich war Anfang 20, arbeitete damals als Krankenschwester und verdiente nebenbei mein Geld als Fotomodel. Irgendwann bekam ich einen Auftrag, bei welchem es um Latex ging. Der Fotograf hatte ein eigenes Studio und unter anderem einen Raum, der genauso aussah wie ein Klinikraum. Das war meine erste Begegnung mit diesem Bereich. Ich fand spannend, dass es tatsächlich Männer gibt, die auf Klinikspiele stehen, die untersucht und gewaschen werden wollen oder Katheder gelegt bekommen. Und wenn mich irgendetwas interessiert, dann will ich das auch ausprobieren. Der Fotograf stellte dann einen Kontakt zu jemanden her, der Videos mit dominanten Frauen und devoten Männern drehte. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht und nach jedem einzelnen Dreh merkte ich immer, dass ich total in mir ruhte. Ich war dann komplett in meiner Mitte. Irgendwann dachte ich: „Setz dein Profil doch einfach mal ins Internet. Das macht dir Spaß und du kannst nebenbei Geld verdienen.“ Die Anzeige schlug sofort extrem ein und die Männer hatten nach den Sessions ein riesiges Grinsen im Gesicht – obwohl ich ja anfangs eigentlich planlos war in dem was ich tat. Ich musste auch erst lernen mit der übermäßigen Wertschätzung umzugehen.

Wie dürfen wir uns vorstellen, was eine Domina eigentlich so macht? Da kann man ja die wildesten Fantasien haben.

Als ich mit meiner Arbeit anfing, liefen meine Sitzungen anders ab, als sie es heute tun. Erfüllend fand ich damals im sogenannten „schwarzen Bereich“ zu arbeiten. Das heißt, ein Part ist aktiv und dominant, der andere ist passiv und meist devot. Ich sage bewusst aktiv und passiv, weil nicht jeder Gast auch devot sein muss. Manch einer ist masochistisch oder genießt es in der passiven Rolle zu sein oder wird einfach gern gefesselt. Mir gefiel damals besonders, dass ich Macht über diese Männer spüren konnte; dass jemand, der vielleicht gerade mit einem Ferrari vorgefahren war, nun zu meinen Füßen lag.

Die meisten von uns haben doch nie gelernt richtig mit ihren Emotionen umzugehen – zum Beispiel mit Wut. Aber genau das wurde dort explizit von mir gewünscht und es war total befreiend diese Seite an mir ausleben zu können.

Eines der Behandlungszimmer der Dresdner Fetisch-Klinik. (Foto bereitgestellt von Dr. Eve.)

Ich habe in meiner Anfangszeit alles ausprobiert, mich aber nie anfassen oder sexuellen Kontakt zu mir herstellen lassen. Auch heute noch dürfen die Gäste meine Füße anfassen oder mal einen Unterschenkel, aber das war es dann. Eine Domina ist unberührbar. Und bezüglich des Ausprobierens: Ich habe auch schon sogenannte Schweineschlachtungen gehabt, oder auch mal einen Hecht geschlachtet. (Anmerkung von Caro: Wenn ihr euch hier genau wie ich denkt: Wait, what? Schweineschlachtungen?! Keine Sorge, darauf gehen wir später noch ein) Ansonsten drehte es sich damals viel um Natursekt- und Latexspiele. Als ich dann schwanger geworden bin, habe ich nach dem vierten Monat nicht mehr im schwarzen Bereich gearbeitet, sondern bin seitdem nur noch in der authentischen Klinikarbeit tätig. Das heißt, ich führe klinische Untersuchungen durch bei denen ich die Frau Dr. bin und der Gast ist der Patient. Alle Untersuchungen, die es gibt, führen wir durch, wie zum Beispiel: Blutdruck, Puls oder Fieber messen, die Beweglichkeit von Körperteilen testen, natürlich Prostatauntersuchungen, Harnröhrendehnungen, Katheter legen, Infusionen setzen (alles mit Kochsalzlösung), OP-Simulationen, Ultraschall und EKG. Bei uns ist auch die Einrichtung komplett authentisch wie in einer alten Polyklinik, sogar mit Patientenakten.

Welche Rolle spielt das Thema Sex in deinem Leben? 

Für mich spielt Sex schon eine große Rolle und in einer Partnerschaft ist es sehr wichtig. Das ist aber auch immer ein Prozess. Mit Anfang 20 wäre meine Antwort eine ganz andere gewesen. Ich bin jetzt seit 7 Jahren mit nur einem Partner sexuell aktiv: Es spielt schon noch eine große Rolle, aber eben nicht mehr so wie mit Anfang 20. Damals habe ich mich aber auch noch über meine Sexualität identifiziert.

Und wie ist das heute?

Heute ist das nicht mehr so. Für mich war Sex damals tatsächlich ein Tool um mit einem Mann in Verbindung zu kommen und es war meine Definition davon, was Beziehungen ausmacht. Ich wusste, das kann ich gut und wusste auch wie ich es einsetze um an Liebe zu kommen. Wobei hier wichtig ist, dass ich zu dieser Zeit oft Sex und Liebe verwechselt habe. Das ist, glaube ich, auch so ein kollektives Problem: die meisten von uns haben nie richtig gelernt wie man sich bezieht.

Der OP-Saal, in welchem Frau Dr. Eve und ihre Mitarbeiterinnen Gäste behandeln. (Foto bereitgestellt von Fr. Dr Eve.)

Wie viel hat Sex also mit Liebe zu tun?

Ich beziehe das jetzt mal auf meinen Job: Oft kommen Männer zu uns, die zu Hause eine Partnerin haben und in einer hetero-monogamen Partnerschaft leben. Da ist es oft noch schwierig, wenn der Mann in einer devoten Rolle ist oder sein will. Manche Fantasien, die man ausleben will, passen einfach nicht in so eine Beziehung. In so einem Fall muss jeder individuell schauen und seinen Weg für sich finden. Ich glaube nicht, dass Sex in dem Zusammenhang irgendetwas mit Liebe zu tun hat. Es sind einfach Aspekte der eigenen Persönlichkeit, die man ausleben will. Wenn man diese unterdrückt, wird man krank.

Für mich persönlich ist Sex mit einem Partner, den man liebt, einfach intensiver und tiefer gehend als mit jemandem, der das als Dienstleistung macht oder eine einmalige Begegnung ist.

Siehst du eine Tendenz in der Gesellschaft bezüglich des Umgangs mit Fetischen? Oder hast du Wünsche diesbezüglich, wie wir alle als Gesellschaft darüber denken/sprechen könnten?

Ich sehe auch heute immer noch in der Mikromimik der Menschen eine Entgleisung, wenn ich sage was ich beruflich tue. Von daher: Das war schon immer so und hat sich ich auch nicht geändert. Ich weiß nicht wie das heute bei der Jugend ist, aber ich kann sagen wie es sich in den letzten 10 Jahren verändert hat: Die Gäste, die stark auf Bestrafung und auf Extremschmerzen aus sind, diese komplett devoten, auf dem Fußboden kriechenden Männer, die sterben aus. Auch die in der Klinik, die extreme Traumata in der Kindheit erlebten, die dann in die sexuelle Richtung ausschlagen, werden immer weniger. Ich frage die Gäste ja auch immer: Wie bist du darauf gekommen? Mittlerweile sagen viele: Ich habe das mal im Internet gesehen und möchte das ausprobieren.

Was ich mir wünschen würde, wäre – generell für die Welt – dass wir aufhören andere Menschen danach zu bewerten, was sie machen und was sie nicht machen; dass jede*r einfach so sein darf wie er*sie ist und jede*r in seiner*ihrer Verantwortung bleibt sich um sich zu kümmern, ohne das auf andere zu übertragen. Nur weil wir uns schlecht fühlen, kann jemand anderes nichts dafür. Da sollte sich auch jede*r erlauben dürfen, zu leben, was er*sie vielleicht unterdrückt. Wenn man dann sicher sein könnte, dass man das darf, dass es normal ist und man nicht mehr darüber sprechen muss – das wäre schön.

Fr. Dr. Eve. (Foto Bereitgestellt von Fr. Dr. Eve)

Hast du durch deinen Job mal Anfeindungen bekommen?

In mein Gesicht sowieso nicht. (lacht) Was hinter meinem Rücken geredet wird, kann ich nicht sagen. Ich bin schon immer stolz darauf, was ich mache und erschaffen habe. Ich denke, wenn man hinter den Dingen steht, die man macht und offen damit umgeht, macht auch niemand schlecht, was man tut. Ich habe auch von Anfang an meinem Umfeld klar gesagt, was ich fortan beruflich mache. Meine Mutter fand das am Anfang auch nicht sonderlich cool, aber damit kann ich leben.

Welchen Mehrwert hat es deiner Ansicht nach, offen über Sex zu sprechen – in der partnerschaftlichen Beziehung und generell?

Wenn ich nicht sage was ich will, kann der andere das auch nicht wissen. Die wenigsten haben hellseherische Fähigkeiten. Wenn ich nicht offen über Sex spreche, verwehre ich mir selber ja ganz viel. Ich sehe es auch als eine Form der Ermächtigung.

Der Mehrwert für die Gesellschaft ist natürlich, dass die Menschen sehen, dass es kein Tabu ist, sondern vieles auch ganz normal. Letztes Jahr habe ich während eines Frauen-Wochenendes eine 21-jährige Frau kennengelernt, die mir nach dem Wochenende einen Brief geschrieben hat, und meinte, wie toll sie es fand, dass ich mich vor ihr ausgezogen habe (wir hatten nur ein Bad). Also auch da sind die Hemmschwellen sehr unterschiedlich hoch. Man braucht, wie bei allen Themen, jemanden, der *die darüber redet und es den anderen vormacht.

Hast du einen Tipp für Menschen, die merken, dass sie eine Vorliebe oder starkes Interesse an einer Sache haben (z.B. an Füßen) und sich vielleicht schämen, dies ihrem Partner/ ihrer Partnerin zu sagen?

Grundsätzlich kommt es ja darauf an, wo man in der Beziehung steht oder wie die Beziehung generell ist. Auf jeden Fall das Bedürfnis nicht wegdrücken, sondern da sein lassen. Ich kann dafür keine Patentlösung geben. Wichtig ist, dass es sich gut anfühlt. Für den einen wird die Lösung sein, das einfach mal auszuprobieren, vielleicht in einem professionellen Rahmen, und dann zu schauen: will ich das jetzt in meine Partnerschaft bringen? Und für den anderen fühlt es sich besser an, sich ein Herz zu fassen und das Bedürfnis zu kommunizieren – bestenfalls ohne Erwartungen zu haben und dann zu schauen wie kann dieses Bedürfnis befriedigt werden. Es gibt auch viele Fetisch-Partys, bei denen man einfach mal gucken und sich Eindrücke holen kann. Alles kann nichts muss. Das wichtigste ist doch schlussendlich loyal mit sich selber zu sein und sich selber so anzunehmen, wie man ist und sich nicht dafür zu verurteilen.

Was ist guter Sex in einem Satz?

(lacht und überlegt anschließend) Eine tiefe, offene, ehrliche, verletzliche, orgasmische, ekstatische, auf Vertrauen basierende, jeder in seiner Verantwortung seiende Verbindung.

Hast du ein Idol oder eine Persönlichkeit, die du für Ihre Sexualität / Sinnlichkeit / Ausstrahlung bewunderst? Wenn ja, wer ist es und warum?

Ja, tatsächlich. Die Frau heißt Julia Krüger und hat ein Business – juliaspiritualliving. Sie hat mich auch auf meinem Weg der Persönlichkeitsentwicklung massiv begleitet. Diese Frau lebt ihre integrierte Weiblichkeit und ist stetig dran ihre Limitierung und ihre Blockaden aufzulösen. Das finde ich total schön und inspirierend.

Von welchen Kinks oder Vorlieben hast du während deiner Arbeit erfahren, bei denen du vielleicht dachtest: aha, sowas gibt es auch?

Ich glaube da würden wir morgen noch hier sitzen. (lacht)

Das Aktuellste war so eine Art Blood-Play: Ein Gast wollte einen ganzen Liter Blut abgenommen bekommen und anschließend damit eingeschmiert werden. Da dachte ich auch: Okay, das habe ich noch nie gehört. Was auch ganz oft vorkommt, ist, dass einige tatsächlich kastriert oder beschnitten werden wollen. Aber nein, das mache ich auf keinen Fall. Wir simulieren, ja. Aber wir verletzen niemanden tatsächlich. Auch Medikamente und Drogen, verabreichen wir nicht. Wir arbeiten immer mit Kochsalzlösung.

Ein anderes Beispiel: Ein Mann wollte ein Wäschestück sein. Er wollte auch so behandelt werden und, dass ich in der dritten Person über ihn spreche und ihn auch nicht direkt anspreche. Man spricht ja nicht mit Wäschestücken. Dann sollte ich seine Schneiderin sein und Löcher zunähen. Wie stellt man sowas an? Ich habe dann den Penis angefasst, ihn aus dem Bad gezogen und gesagt: Jetzt muss ich mir den Lappen hier erst mal angucken. Mit Hautnahtsets und Kompressen habe ich dann die Löcher gestopft und Knöpfe angenäht. Nachher habe ich ihn gefragt, wie er darauf gekommen sei. Er antwortete: „Na nicht, dass Sie denken das wäre ein Fetisch oder so. Sie haben ja gesehen, ich habe hier hinten eine Waschanleitung tätowiert. Normalerweise wäre ich als Wäschestück geboren. Ich bin im falschen Körper.“ – Da habe ich ganz lange drüber nachgedacht. Man hat ja auch eine gewisse Verantwortung. Wir haben uns danach nicht mehr gesehen. Das ist dann irgendwie nicht mehr zustande gekommen.

Mit fällt noch eine weitere Situation ein: Wir hatten einen Gast, der wollte ein ganz aufwändiges Klinikspiel. Und wir sollten dann „rausfinden“, dass er einen Damenbinden-Fetisch hat. Es klingelte also zum vereinbarten Termin an der Tür und die Kollegin öffnete. Da stand ein Mann vor der Tür, komplett und sehr professionell eingegipst und überall schon rote Flecken, welche das Blut darstellten. Der Mann war total in seinem Element und fing an zu erzählen: „Ich war mit meinen Kumpels unterwegs, dann hatte ich diesen schrecklichen Unfall und jetzt haben sie mich von der einen Klinik hier in Ihre Spezialklinik gebracht.“ Er war total in seiner Rolle.

Verwirrend für diejenigen, die zu diesem Bereich keinen großen Bezug haben, mögen vermutlich Männer sein, die mit Anzug und fetten Autos vorfahren und dann in unserem Babyzimmer mit Haube, Lätzchen und Strampler im Gitterbett stehen und gewindelt werden wollen.

Mir schwirrt die ganze Zeit noch die Schweineschlachtung durch den Kopf. Kannst du das mal näher erläutern? Was genau machst du da?

Man simuliert sozusagen eine Schlachtung. Das Schwein ist dann auf allen Vieren, alles wird abgebunden und vielleicht kommen noch Stromschläge zum Einsatz. Dann wird so getan, als ob man dem Schwein was zu essen gäbe, also geguckt ob das Schweinchen schön fett ist. Dann benutzt man ein unscharf gemachtes Bolzenschussgerät für den Kopf. Wir haben dabei auch eine Messertasche um und tragen Gummistiefel. Einige wollen auch an den Beinen aufgehangen werden. Aber da ist jeder unterschiedlich detailgetreu. Manchen geht es nur um die Wortwahl, andere wollen das komplette Programm.

Bei den ersten Schlachtungen habe ich gedacht: Was soll das? Bis mir mal jemand erklärt hat, dass diese Männer ganz oft auf einem Bauernhof groß geworden sind und eine Schlachtung, vielmals bereits im Kindesalter, miterlebt haben. Entweder fanden die das von Anfang an super oder dieses Interesse ist später aus einem Trauma heraus entstanden. Da sind die Gründe ja unterschiedlich.

Was wäre ein Rat an dein jüngeres Ich?

Total banal aber: Nimm dich so an wie du bist, denn so bist du genau richtig und wertvoll.

Vielen Dank, liebe Dr. Eve, für dieses spannende Interview, durch das bestimmt dem ein oder anderen Lesenden Einblicke in eine Welt gegeben wurden, die die wenigsten so gut kennen und leben wie du.

Caro